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Vor 1911 spielte an deutschen Hochschulen und Universitäten die Elektrizität nur eine Rolle bei der Energieversorgung und im Bereich der elektrischen Maschinen. Erst Barkhausen
erkannte die zukünftige Bedeutung des elektrischen Stroms im Bereich der späteren Nachrichtentechnik, und erst durch seine Gründung des Schwachstrominstituts in Dresden wurde dieser Zweig in Deutschland den
Studenten erschlossen und systematisch gelehrt, während er vorher nur als Nebenfach ein untergeordnete Rolle spielte . In diese Zeit fallen der experimentelle Nachweis der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich
Hertz, erste Versuche zur drahtlosen Nachrichtenübertragung, und erste Konstruktionen von Elektronenröhren.
Barkhausen wurde im Alter von 29 Jahren zunächst Professor für Elektrotechnik, mit Schwerpunkt auf Telefonie und Telegrafie. Bereits in diesen Jahren zeigte sich sein
ausserordentliches experimentelles Geschick bei der Umsetzung von theoretischen Erkenntnissen zu technischen Lösungen in der Praxis. Daher nahm er ein Angebot von Siemens & Halske als wissenschaftlicher Beirat
an und beschäftigte sich mit der Entwicklung von Bauelementen der Nachrichtentechnik und Kommando-Übertragungseinrichtungen.
1910 erfolge seine Habilitation an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg mit der Arbeit “Die elektrische Übertragung von Signalen”. Als Barkhausen 1911 nach Dresden berufen
wird, um dem neuen Gebiet der Nachrichtentechnik, damals auf Telefonie und Telegrafie beschränkt, mehr Gewicht zu verleihen, schildert er die Situation so:
“Als ich 1911 hauptamtlich nach Dresden berufen wurde, mußte ich den Studenten gut zureden, daß es neben der Starkstromtechnik, die in aller Munde war, auch noch eine
Schwachstromtechnik gäbe, die vom Ingenieur eine ganz andere Denkweise erforderte. In den ersten Vorlesungen über Telephonie waren nur sechs Hörer und wenn auch die Vorlesung über drahtlose Telegraphie etwas mehr
Interesse fand, so bevorzugte doch der grosse Strom der Studenten die Starkstromtechnik.”
Erst mit Beginn des Ersten Weltkriegs entsprach die Schwachstromausbildung den damaligen Anforderungen der Industrie an die Ingenieure, und es diplomierten auch schon einige Studenten.
Hervorzuheben ist als einer der ersten Studenten Barkhausens der Japaner Hidetsugu Yagi, der später für seine Antennenkonstruktionen weltbekannt wurde und dessen Konstruktionen heute noch eingesetzt werden. Er
begründete auch die große Bedeutung des Dresdner Schwachstrominstituts für die japanische Schwachstromtechnik, und auch die Ausstrahlung der Barkhausenschen Schule nach Japan. Yagi richtete in den Folgejahren
mehrere japanische Institute nach dem Dresdner Muster ein, und Barkhausen pflegte zeitlebens einen engen Kontakt zu seinen japanischen Schülern und den Schwesterinstituten in Japan.
Durch eine Kriegsverpflichtung an die Technische Marineinspektion Kiel ergab sich zwar eine Unterbrechung seiner Lehrtätigkeit in Dresden, aber auch die Gelegenheit zur Forschung auf
neuen Gebieten. In diese Zeit fallen Barkhausens Forschungen auf den Gebieten der Schallausbreitung unter Wasser, Realisierung von Schallsendern, sowie der Schallmeßtechnik, in deren Verlauf er das Phon als Einheit
der Lautstärke einführte. Dort schliesslich erhielt Barkhausen den Auftrag, die wissenschaftlichen Grundlagen der Elektronenröhren
zu erforschen, wozu Barkhausen anmerkte: “...es war gerade die Zeit, als die ersten Elektronenröhren in Verwendung kamen...Die ungeheure Bedeutung dieser Erfindung war mir sofort klar. Und in der Tat hat wohl selten eine einzige Erfindung das ganze Gebiet der Technik so weitgehend umgestaltet und erweitert.”
Mit welcher Begeisterung Barkhausen an diese Aufgabe ging, geht aus einem Vortrag aus dem Jahr 1928 hervor. Dort trug er vor:
“Das Problem der Schwingungserzeugung ist ist eigentlich der Angelpunkt meiner späteren wissenschaftlichen Tätigkeit geworden. Ich erinnere mich noch heute genau an den Augenblick, als
mir vor 22 Jahre der erlösende Gedanke kam, daß eine Schwingungserzeugung unter normalen Verhältnissen gar nicht möglich sein könnte, daß also immer etwas Anormales dabei im Spiele sein müsse. Und ich erinnere mich
noch heute der großen Freude, die ich dann weiter empfand, als ich den einfachen Gedankengang auf alle damals bekannten Anomalien anwandte. - 10 Jahre lang hat dann diese Arbeit wenig beachtet dagelegen, weil die
Technik andere Wege ging. Dann aber hatte ich das große Glück, daß eine ganz besonders schöne neue Anomalie gefunden wurde, nämlich die Elektronenröhre. Ich habe zu ihrer eigentlichen Entdeckung gar nichts
beigetragen. Sie wurde mir zum erstenmal erst im Kriege in einer schon ziemlich weit vollendeten Form in die Hand gegeben. Diese Anomalie war wirklich ganz besonders schön, und es war wegen ihrer ganz strengen
Gesetzmäßigkeiten, die sich auch weiterhin experimentell bestätigten, eine reine Freude, mit ihr zu arbeiten, was man sonst von Anomalien im allgemeinen nicht gerade sagen kann.”
Dies war der Beginn einer Arbeit, die auf Jahrzehnte den Schwerpunkt der Forschung und Lehre des Schwachstrominstituts bildete. Barkhausen erfasste die Ergebnisse in einer vierbändigen
Monografie “Lehrbuch der Elektronenröhren, Elektronenröhren und ihre technischen Anwendungen”, die er ständig überarbeitete und das, als Leitfaden für die Studenten an Hochschulen und Universitäten und für die
Ingenieure in den Laboratorien, in viele Sprachen übersetzt wurde, unter anderem Japanisch und Russisch, leider jedoch nicht in’s Englische. Quasi als Nebenprodukte aus seinen Forschungen an der Elektronenröhre
ergaben sich Entdeckungen wie die Ummagnetisierungssprünge im Eisen (Barkhauseneffekt) und die Erzeugung kürzester Wellen aufgrund von “Elektronentanzschwingungen” in der Elektronenröhre
(Barkhausen-Kurz-Schwingungen), welche die Entwicklung der Laufzeitröhren einleitete.
In den Folgejahren machte die rasante Entwicklung des Rundfunks, der drahtlosen Nachrichtentechnik und der Tontechnik das Studium der Schwachstromtechnik derart attraktiv, daß nicht
nur die Studieninhalte ständig überarbeitet, sondern auch das Schwachstrominsitut räumlich und personell erweitert werden mußte.
Barkhausen hatte schon sehr früh die Grenzen der Röhrentechnik erkannt und stand deren Ablösung durch die Transistortechnik nicht nur sehr offen gegenüber, sondern arbeitete in seinen
letzten Lebensjahren an der Entwicklung dieser neuen Technik aktiv mit. Dabei war festzustellen, daß viele seiner grundlegenden Betrachtungen übertragbar waren. So zieht er mit der ihm eigenen Bescheidenheit diese
Bilanz seiner wissenschaftlichen Arbeit:
“Ich habe das große Glück gehabt, in einer Zeit zu leben, in der die Elektronenröhre gerade das Licht der Welt erblickte. 20 Jahre früher oder später geboren hätte ich kaum an ihrem
Siegeszug teilnehmen können, denn selbstverständlich wäre dieser Siegeszug ohne mich genauso verlaufen. - So habe ich in begeisterter Mitarbeit teils antreibend, teils getrieben ein schönes Leben gehabt.”
Ich danke Frau Gundula Held, der Enkelin Heinrich Barkhausens, für die interessanten Einblicke in Heinrich Barkhausens Leben und für die Überlassung seines Photos.
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